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Peter Marnet

Der Kaiser ohne Namen

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Copyright 2011 Peter Marnet


Chapter TEIL 1

Chapter 1. Die Frau und der Junge mit dem Apfel



Die anderen Kinder hatten Ritter gespielt und ihn zum Räuber be­stimmt. Ein Räuber war immer allein und hatte kein Schwert. Damit sie ihn nicht aufspüren konnten, hatte sich der Junge in dem fremden Baum versteckt. Sollten sie doch beim nächsten Mal einen zum Räuber be­stim­men, den sie auch finden konnten!

Die Frau stand im Garten. Der Morgen hatte ihr freund­lich begonnen. Mit ein paar Vo­gel­stimmen hatte er das Fen­ster berührt. Der Baum hatte soviel Licht herein­gereicht, dass es ihr zum Kosten genügte.

Sie war in den Garten gegangen, ohne gegessen zu haben. Auf der Treppe fiel es ihr ein, aber sie kehrte nicht um. Ihr Haus hatten sie neu bekommen, und sie freuten sich dar­an. Es waren nicht viele Beamte am Hof des Fürsten, und so waren es nicht mehr als vier Häuser. Sie standen mit dem Rücken und den Gärten zuein­ander. Obwohl sie gleich aussahen, taten sie, als seien sie nicht mitein­ander bekannt.

Vor ihrem Haus war eine schmale Straße mit glänzendem Pflaster und einem schmalen Gehsteig. Die Straße führte um die vier Häuser der höfischen Beamten herum, als wolle sie eine Grenze ziehen zu den Häu­sern auf der anderen Seite, die dort standen, ohne Atem und um ihren Stand fürch­tend, weil sie von den hin­te­ren, die nicht anders zur besseren Gegend gehören woll­ten, nach vorne ge­drängt wurden.

Die Frau stellte sich den Garten als das Kleider ihres Hause­s vor - die Blu­men, die wan­dernden Schatten der Bäu­me, der lispelnde Brunnen, die feuchten Steine im weichen Gras. Darin unterschied es sich von den anderen.

Wie jeden Tag stand sie auf der Treppe zum Garten. War­tete als Besucherin, forderte nicht wie eine Herrin ihren Einlass. Wie jeden Tag schritt sie umher und sah zu den Bäumen hoch. Von manchen kannte sie nicht ein­mal die Früch­te. Aber musste sie von allem wis­sen, worin sein Zweck bestand? Wenn es nur schön war und sich darin er­gab, sollte es ihr genügen.

Sie stand im Gar­ten und teilte mit den Blumen ihre Ge­danken. Ein kurzarmiger Wind gesellte sich dazu, bis es sie frö­stelte. Sie sah zum Him­mel em­por. Schatten hatten sich vor das Blau ge­schoben. Schon immer war sie wetter­fühlig gewe­sen. Ein Stimmung hatte sich auf ihr Herz ge­legt. Schwere Wolken würden das Licht ver­drängen. Noch ein­mal würde sie her­um­ge­hen, aber eine graue Last drückte auf ihr Herz und die Farben des Gartens.

Wo der Baum stand, war eine Sandflä­che, die glattge­stri­chen war. Jeden Morgen begann sie mit einem Wort. Dem­sel­ben oder einem anderen. Dabei sie konnte nicht schrei­ben wie ein Mann. Aber sie fand Freude daran, etwas zu malen, das einem Worte glich. Viel­leicht war es ein Wort und sie wusste es nicht. Sie malte das Zeichen, das sie sich ausge­dacht hatte, in den Sand und wieder in ihre Erinne­rung.

Als es gerade begonnen hatte, sich eine Bedeu­tung zu suchen, fiel vor ihren Augen ein roter Apfel auf den Rasen. Er tupfte zwei, drei Mal auf, wie ein Kin­derball auf einem weichen Teppich. Sie sah den Ap­fel an, ohne sich zu rühren. Sie spürte, wie die Angst Blei in ihre Füße fließen ließ. Ein Apfel durfte ihr keine Angst ma­chen! Sie hatte noch nie den Fall eines Apfels gese­hen - das war es!

Die Schale glänzte. Ein kerngesunder Ap­fel war zu Ende gewachsen, und vom Baum auf ihren Rasen gefallen. Die Blätter des Baumes raschelten. Sie bewegten sich zur neuen Form. Im Unwohlsein verzog der Baum das Gesicht. Sie vernahm aus ihm ein ihr fremdes Ge­räusch, ein Ächt­zen und dann einen lei­sen, deutlich ge­sprochen Fluch. Erst sah sie ei­nen Jun­gen­fuß. Dann eine zweiten. Dem folgte ein Junge nach, der aber in der Luft hing, weil der Baum einen Zipfel von ihm in seinem Maul festhielt. Der Bauch des Jungen war frei und weiß und nicht ganz sauber. Dann spuckt der Baum ihn aus. Wie der Apfel lande­t der Junge federnd auf ihrem Rasen. Als sie ihm fest in die Augen sah, nahm die Hand in sei­nem Rücken verstohlen den Apfel auf.

"Hast du mich beobachtet?", fragte sie.

Der Junge schüttelte stumm den Kopf. Er hatte ja von oben nichts sehen können. Wenn er sie gesehen hätte, dann wäre er dort geblieben, bis sie fort war. Aber das ver­stand sie nicht. Sie sah ihn nicht einmal streng an.

"Ich bin ein Räuber", sagte er, "aber nur im Spiel."

"Ich bin eine Fee", sagte sie, "aber nur in meinem Garten."

"Die anderen sind Ritter", erklärte er, weil sie ihm nicht glaubte. "Ich muss mich verstecken. Da bin ich eben geklettert, damit sie mich nicht finden."

Stumm sah die Frau den Jungen an. Er war sich si­cher, dass die Frau eine Fremde war. Aber er wusste es nicht genau, weil er Er­wachse­ne immer so schnell vergaß.

"Sind sie auch mal geklettert?", fragte der Junge. Das war ein Trick. Damit sie nicht an den Apfel dachte, den er versteckt in seinem Rücken hielt.

Sie bemerkte, wie sie einen roten Kopf bekam. Dem Jun­gen waren einige Strähnen in die Augen gefallen, die sie ihm am liebsten zur Seite gestrichen hätte. Seine Augen sahen tief in die ihren hinein.

"Schämen sie sich, weil sie nicht klettern können? ... Ich konnte auch mal nicht klettern, aber jetzt kann ich es!"

Sie spürte, daß ein Lächeln ihr auf das Gesicht wollte. Sie er­laubte es nicht, aber das Lächeln hatte eine eigene Kraft. So begann sie zu lä­cheln. Das Gefühl davon breite­te sich auf ih­rem Ge­sicht aus und drang kitze­lig bis in die Haar­spit­zen vor.

"Ich gehe jetzt", sagte der Junge. Die Frau nickte, aber der Junge ging nicht.

"Haben sie keine Kin­der?", fragte er.

Sie schüttelte wortlos den Kopf. Mit einem Mal war sie weit weg, und die Traurigkeit war näher als der Junge.

"Dann darf ich den Ap­fel mit­nehmen? Er ist ja nun run­ter­ge­fallen und weil sie keine Kinder ha­ben ..."

"Ja", sagte sie, "nimm den Apfel, ich habe kei­ne Kin­der. Was soll ich mit einem Apfel? Da kann ich ihn dir gleich schen­ken."

Der Junge nahm be­hutsam den Apfel auf, als könne er ihn zer­brechen.

"Die meisten wollen als Kind einen Jungen", sagte er. "Ich bin ja einer, da weiß ich es."

"Ich habe es mir noch nicht überlegt", sagte die Frau und war nicht ehrlich. Der Junge hatte einen Mund, den sie nicht anzuschauen wagte.

"Aber vielleicht bekommen sie einen", sagte der Junge, "ich mei­ne, wenn sie wollen ..."

"Doch", sagte sie, "ein Kind will ich schon - jeden­falls heimlich."

"Ach, sie be­kommen be­stimmt ein Kind. Ich bin ja auch da, und meine Eltern sa­gen, sie ha­ben mich gar nicht ge­wollt. Ich bin einfach so gekommen ... dann gehe ich jetzt."

Sie sah ihm traurig nach. Er hatte den Apfel in den Mund geschoben, um die Hände frei zu haben. Dann kletter­te er über den Zaun. Es war ein schmutziger Junge und ein saube­rer Zaun. Aber sie störte sich nicht daran, sondern freute sich, dass er mit ihr gesprochen hatte.

'Die ist aber ein bisschen ko­misch', dachte der Jun­ge, 'aber der Apfel ist toll!'

Chapter 2. Die Hochzeit des Füsten



Der Fürst saß im Halbdunkel und be­trachtete das Gesicht seiner schlafen­den Frau. Die Hochzeitsnacht hatte Reste von Stim­men und Musik in sei­nem Kopf zurück­gelassen. Er saß da und fror ein wenig, weil es früh am Morgen und der Kamin kalt war. In den letzten Tagen hatte er ständig ge­froren. Seine Haut war gelb und voller Kältepusteln.

Er war der Fürst von einem sehr unbedeutenden Fürsten­hof. Er selber sagte, ein Fürstenhof, der so weit ent­fernt vom Kaiserhof liege, könne nicht bedeutend sein. Aber die Leute sagten, dass er unbe­deutend sei, liege daran, dass er sehr klein sei. Wahr­scheinlich wisse der Kaiser nicht ein­mal, dass es diesen kleinen Für­stenhof gebe. Sagten die Leu­te und wa­ren für sich froh darüber.

Das Fürstentum be­stand aus einer kleinen Stadt und drei Dör­fer, die sich nicht entschei­den konnten, ob sie hin- oder weg­sehen sollten. Es gab sehr viel Wald drum­her­um und da­hin­ter gro­ße Weiten öden Lan­des. Die dort Ansässi­gen sag­ten, dass dies Land nicht mehr zu seinem Fürsten­hof ge­hörte. Aber es wa­ren Her­umzie­hende, die nur wenige Worte ver­stan­den. Der Für­sten­hof selbst lag in ei­ner Senke und war erst zu sehen, wenn man davor stand.

Noch niemals zuvor hatten Hergereiste in den drei Dör­fern nach dem Weg dorthin gefragt. 'Der alte Fürst heira­tet', wussten die Leute mit einem Mal zu sagen. Sie waren trau­rig, dass der Fürst so arm war, dass er sie nicht einladen konnte, aber sie wünschten ihm trotzdem Glück. Das sagten sie den Reisenden, die von weither kamen.

'So unbedeutend kann unser Für­stentum nicht sein, wenn sie es kennen', sagten die Äl­te­ren. 'Sicher kommen sie, weil ihnen die Braut bekannt ist', sag­ten die Jüngeren.

Niemand hatte gedacht, dass der Fürst einmal heiraten würde. Und wirklich fiel ih­nen erst bei seiner Heirat auf, dass der Fürst bis in sei­ne späten Tage hinein ­ver­gessen hatte, einen Nach­kommen zu zeugen.

Die Freunde des Fürsten waren alle zu seiner Hoch­zeit gekommen, hat­ten mit ihm ge­fei­er­t, sich am Wein und an al­ten Ge­schichten gewärmt und ihn hoch­leben lassen. Aber er konn­te sich nicht so fühlen wie sonst. Was folgen wür­de, be­drück­te ihn. Sei­ne Freunde hatten ihre Wit­ze über ihn und sein Schicksal gemacht. Nicht mehr als ein wenig wollten sie ihn damit quä­len.

Kendir hatte sich eine Hand vor die Augen ge­hal­ten, als sei­en sie ihm verbunden, und taste­te mit der anderen den Fürsten ab, mit Ausrufen des Ent­zückens. Die bei­den ande­ren Freunde hatten die Szene mit lustvol­lem Stöh­nen be­glei­tet.

"Zieh dich aus, du Schö­ne!", kam es von Ken­dir. Er war dem Fürsten durch das wenige Haa­r ge­strichen und hatte gerufen: "Was für volles Haar du hast! Ich werde mich damit zudec­ken."

Von hinten hatte Tenkho ihm in den Wams ge­faßt und in die dün­ne Brust gekniffen: "Das ist Milch ge­nug für ein Ge­schlecht von Helden und die Söhnen von Helden!"

Nell hatte ihm das Ge­sicht abgetastet: "Deine Haut ist wie das Ufer des Flusses. Die Nase wie eine Weide, der Schatten meiner Jugend!"Was hat­ten sie gelacht, aber dem Für­sten war es nicht leichter gewor­den.

Dann - wie es die Sitte verlangte - wurden ihm die Au­gen ver­bunden und seine Frau hereingeführt. Es war mit einem Mal still gewesen, als sie den Saal be­trat. Sei­ne Freunde wa­ren ver­stummt. Er hörte noch ihren Atem neben sich und roch den Dunst des Weines.

Nun musste er sich zu seiner Braut vortasten. Er stieß gegen einen Tisch. Die Hand geriet ihm dabei in die Soße von ei­nem Teller, die andere bekam einen kal­ten Kno­chen zu fassen. Die Gäste riefen ihm, wohin sei­ne Schrit­te ihn führen soll­te. Gegen alle vier Wände glaubte er, gerannt zu sein. Er trat auf Füße und Röcke. Betastete Frauenhaar und kam dem Feuer sehr nah. Es dau­erte unend­lich lang, bis er bei seiner Frau war, die mit zwei spitzen Fin­gern seine bekleckerte Hand auf­nahm und ihn hinaus führ­te.

Da wusste er noch nicht, dass sie es war, aber die Gäste hatten ge­klatscht. Man­che Gä­ste hat­ten ihr Lachen nicht unter­drüc­ken kön­nen. Lachen und Klatschen liefen zusammen und hatten einen falschen Ton.

Schira hieß seine Braut, und fremd wie ihr Name war ihr Gesicht. Für andere Männer war sie sicherlich eine Schön­heit. In ihrem schma­len Gesicht zeichneten sich Brauen und Wimpern mit feinen Tusche­striche ab. Ihre Lippen waren voll, und sie besaßen viel Wei­ches.

Wie es Sitte war, hatte er das Tuch nicht von den Augen nehmen dürfen, als er mit ihr al­lein war. Immer noch blind war er in ihrem Brautzimmer gestan­den. Sie hat­te ihn losgelassen. Hinter ihm war die Tür leise zuge­fal­len. Sie sag­te nichts, während er sich durch den Raum tastete. Es brauchte eine lange Zeit, bis er sie ge­funden hatte. Sei­ne Hände berührten zuerst ihr langes Haar. Er fühlte, daß seine Hände noch schmutzig waren von dem vorangegan­genen Mal­heur. Langsam ertastete er sich ihr Gesicht. Sie war nur we­nig klei­ner als er. Weil es Sitte war, zog er sie aus. Sie ließ es gesche­hen wie eine Schan­de, für die sie sich ge­wapp­net hatte. Viel lieber hätte er mit ihr gere­det. Und noch viel lieber wäre er bei seinen Freunden ge­blie­ben.

Jetzt im frühen Halbdunkel lag das Gesicht, das sie zur Hochzeit getragen hatte wie eine Maske neben ihr. Das Morgenlicht hatte sich behut­sam ihrem Schlaf und ihrem Haar genä­hert. Sie hielt die Hand ge­schlos­sen. Die Haut war weißes Papier, die Tusche­striche darauf Zeichen in ihrer fremden Sprache. Das Erschrecken ließ sein Herz klopfen. Er dachte zum ersten Mal in seinem Le­ben, daß er etwas völlig falsch gemacht hatte. Da hatte er nach lan­ger Zeit endlich ge­hei­ratet und fühlte nichts als schuldschwe­re Fremdheit!

Die Bilder der Nacht begannen, das Bild der Schlafen­den zu überdecken: Mit verbundenen Augen hatte er sich ausge­zo­gen. Als er damit fertig war, stellte er fest, daß sie ihren Platz verlassen hatte. Wieder tastete er sich durch den Raum auf der Su­che nach ihr. Schließlich stand sie vor ihm, aus­gezogen und still, und ihre Haut fror. Was für ein Bild er abgab, konnte er sich den­ken - mit seinen schmut­zigen Händen, die den Raum absu­chten, ohne ein Kleidungs­stück, umweht vom Atem des Wei­nes.

Der Bauch war ihm schwer. Auf Blase und Darm drückten die Ge­nüsse der letz­ten Stunden. Er hät­te eigent­lich ein Geschäft er­ledigen müssen und spür­te dabei, dass sie ihn ansah. Er fror in ihrem Blick. Als er ihren gepressten Atem hörte, berührte er sie nicht, sondern hob die Hände und ließ sie fal­len.

Jetzt am Morgen lächelte ihr Gesicht. In ihren Traum war das Glück ihres Herzens getre­ten. Er sah eine Frau, die er von dem, was sie geliebt, fortgerissen hatte. Es war nicht seine Schuld, aber mit seinem Namen wür­de sie ihren Verlust immer ver­bin­den. Ihre Hand hatte sich ge­öff­net. Ihre Lippen sagten etwas, was er nicht hören durfte.

Im Nachbarzimmer schnarchten seine Freunde. Das Ge­räusch kratzte sich die Wände empor und ließ sich von dort er­schöpft hin­untergleiten. Immer wieder hinauf die An­strengung und hin­ab die Erschöpfung - und hinauf und wieder hinab. Wenn er bei seinen Freunde wäre, dann hätte er wie sie geschlafen. Um die Wette wären sie die Wände emporge­klet­tert.

Aber er lag wach und fand zwischen dem Schnarchen sei­ner Freunde und der unbekannten Stille von Schiras Atems kei­nen Schlaf.

Chapter 3. Der Schreiber wünscht sich eine Tochter



Der Fürstliche Schreiber stand vor dem kleinen Tor des Gartens und hantierte an seinen Schu­hen. Das Leder war wie eine Schale hart, und an den Schnallen hatte er sich ein­mal die Fingernägel ab­gebrochen. Nach den Schuhen zog er auch die Strümp­fe aus und ging zum Haus, nicht auf den Trittstei­nen, son­dern mit den nackten ­Soh­len im kit­zelnden Wei­ch des Grases.

Eigentlich moch­te er den Gar­ten nicht. Für einen solch kleinen Garten hätte sie nicht einen Gärtner ein­stellen müs­sen! Was sah sie in einem Gar­ten, der her­um­stand wie zum Spaziergang eine Dame mit einer an­deren, die nichts zu tun hatten, als dar­auf zu war­ten, dass das Wet­ter schön blieb?

In den letzten Tagen war seine Frau anders gewesen. Ihre Augen, die ihn anblickten, hielten nichts richtig fest. Die Bewegun­gen ihrer Hände waren unachtsam, als messe der Kopf ihnen ein falsches Maß. Er hatte sich gefragt, ob seine Arbeit, die so viel geworden war, eine Schuld an ihrem Zustand hatte. Aber es kam von ihr, aus ihr, stellte sich vor sie hin wie eine frem­de Person zur Wache gegen die gewöhnlichen Dinge.

Heute hatte sie nicht auf ihn gewartet. Aber sie war in ihrem Garten gewesen, kurz bevor er gekommen war. Ihr Ge­ruch lag noch in der Luft. Es war der Duft des Wal­des. Geschlagenes Holz, dem der Regen die harzigen Trä­nen ab­zuwaschen begann.

Sie würde in ihrem Zimmer sein. Er sah die Treppe hoch. Seine Sa­chen lagen nicht unten, wo sie sonst immer lagen. Einen Ruf nach ihr ge­stattete er sich nicht. Er merkte, dass seine Füße die Feuch­te des Ra­sens in das Haus getra­gen hat­ten. Stufe um Stufe ging er langsam die Treppe hoch. Mit jedem Tritt ermahnte sie ihn, schonungsvoll und leise zu sein.

Die Dinge sahen ihn streng für eine Ungehörigkeit an, von der er nichts wusste. Ein­zig der kleine Affe auf dem Bild, das der Fürst ihm zum Geschenk gemacht hatte, tat es ihnen nicht gleich. Er leckte im hohen Baum an einer Frucht, die seinem roten Hinterteil glich, und wollte ihn nicht bemerkt haben. Schläulich blickte der Affe aus und spürte wohl dabei die Blicke der neidenden Feinde.

Die Tür zu ihrem Zimmer war einen Spalt offen. Die Scha­niere erschreckten sich vor dem eigenen Ge­räusch. Sie lag im Kleid auf dem Bett, das Ge­sicht zur Wand. Leise trat er von hinten an sie heran. Machte die Schritte mit den Zügen ihres Atems langsam. Berührte die Haare mit den Au­gen und besaß keine Hände.

"Der Hegad ist gestorben", sprach er leise. "Der Lehrer der Lehrer ist tot. Er war auch mein Lehrer am Kaiserhof. Wie viele hat er unterrichtet!? Nun ist er tot. Die Schreiber sprechen davon."

Er sprach nicht weiter, weil niemand seiner Stimme zu­hörte, nicht einmal er selbst. Das Gesagte hatte er sich auf dem Weg vorgesprochen. Nun war es herausge­fallen, als er nicht aufgepasst hatte.

"Ich werde ein Kind bekommen", sagte sie und sah weiter zur Wand. "Ich ahne es, ich weiß es - ein Kind."

"Ja", flüsterte er zurück, "ein Kind - ich habe es ge­wusst."

"Du konntest es nicht wissen", sagte sie ärgerlich. "Niemand vor mir konnte es wissen. Was redest du da?"

"Natürlich", sagte er, um ihr nicht die Freude zu ver­derben, "niemand konnte es wissen."

"Heute war ein Junge in meinem Garten. Er sprang aus dem Baum, so plötzlich. Er hatte sich ver­steckt, weil er im Spiel ein Räuber war."

"Es wird ein Mädchen", sprach er leise an die Wand. "Ich fühle, dass es ein Mädchen wird."

"Er war so schmutzig! Ob er keine Mutter hatte? Ich habe ihm einen Apfel gegeben."

"Wie du soll es sein", flüsterte er in ihr Ohr. "Ein kleines Wesen aus Weinen und Lachen, aus Tränen und Son­nenschein. Wie ein Regenbogen, mit dem der Himmel die Blu­men berührt, die im Nebelgrund stehen."

Da hatte der Schlaf schon ihren Atem geglättet und ihm die schönen Worte ungehört zurückgegeben. Sie träumte von einem hohen Baum. Darunter stand sie als kleines Mäd­chen in einem wei­ßen Kleid. Im Baum ganz oben saß ein Junge.

'Soll ich zu dir run­terrut­schen ?', rief er.

'Ja, aber worauf willst du rutschen?'

'Siehst du nicht den Regenbo­gen vor deinen Fü­ßen?'

Er ließ sich los, und als er zu rutschen begann, da sah sie, dass er wirklich auf einem Regenbogen rutschte und vor ih­ren Füßen landete.

'Ich habe einen Apfel in deinem Baum versteckt. Ein Ap­fel bringt Glück.'

'Ja', sagte sie, 'nur wir wissen, wo das Glück versteckt ist.'

'Wie schön du bist', sagte der Junge. 'Ich will dir ein Stück von meinem Regenbogen schenken und dir daraus einen Umhang machen.'

Der Mann hatte die Decke über seine Frau gebreitet und sich an ihre Seite gesetzt. Er sah, dass ein tiefes Ver­gessen ihre Schultern bewegte. Leicht glitt ihr Atem im­merglei­chen Tä­ler und Höhen nach. Er wagte nicht, der Schlafenden über das Haar zu streichen. Scham wie von ei­ner Treulo­sigkeit leg­te sich heiß auf sei­ne Stirn.

In der vergangenen Nacht war seine Frau im Schlafen auf sei­ne Sei­te hinüberge­rückt. Er hatte es geschehen las­sen, war unter dem dün­nen Rest eines Traumes herausge­glitten und lautlos aus dem Zimmer ge­treten.

Der Affe, der niemals schlief, hatte ihn ange­se­hen und keinen Laut gemacht, nur seine menschengroßen Augen ihm zur Begleitung nachgesandt. Dann war er die Treppe hinun­terge­schlichen, wo keine Stufe sich wecken ließ. Wie ein frem­des Tier, ein Schatten in einem Schat­ten. Draußen die Nacht hatte ihn aus Mond­schlitzaugen angesehen.

So war er in der Tür gestanden und hatte zur Treppe zurückgeschaut, ob seine Frau ihm nicht nach­gegangen war. Sie und sich vergessend, hatte er in das Weite hinausge­flüstert: "Ich wünsche mir ein Kind, ein Mädchen - ganz für mich!"

'Dein Wunsch soll dir in Erfüllung gehen, träumender, wacher Mann', hatte die Nacht ihn mit ferntönender, dabei selt­sam knarzender Stimme angesprochen.

Schniefend hatte sie die Luft durch windengen Schlund einge­sogen und gesagt: 'Hach, Röch. Kannst glau­ben, was ich dir weissage. Habe nur einen schreck­lichen Schnup­fen.'

Stumm hatte er genickt. Wie auch hätte er sie ansprechen sollen? Was hätte er erwidern sollen?

'Nur soviel sag' ich: Niemand darf von dir und mir wissen - deine Frau nicht und niemand.' So die Stimme der Nacht, waldtiefer Rabenchor hoch in schwer altem Geäst.

'Es sei dein und mein Kind', hatte die Nacht ihm gedeu­tet. 'Un­ser Kind sei es, wenn niemand davon weiß!'

"Ich verspreche mein Schweigen." Das war von ihm so in Hast und leise ge­sagt, dass er Angst gehabt hatte, sie habe es nicht ge­hört.

Nun saß er am Bett seiner Frau und dachte verwundert, dass die Nacht ihr Wort ge­halten hatte. Schließ­lich, in der Lang­sam­keit des Abends kam das Glück über ihn.

Chapter 4. Oberer Medith erfüllt seine Pflicht



Er war Soldat des Fürsten, und als solcher würde er al­les ausführen und keine Fragen stellen. Dass der Fürst ihn um diese späte Stunde zu seinen Privatgemächern bestellt hatte, würde ihn nicht wundern. Dass der Fürst ihn bei seinem Namen genannt hatte, darüber sollten sich seine Kameraden nicht den Kopf zerbrechen.

Rührungslos stand er vor der gro­ßen, mit Fa­bel­wesen bemalten Tür, als hande­le es sich um eine ganz nor­male Torwa­che. Es war ein Drache darauf dargestellt. Die ande­ren Tiere kannte er nicht. Manche hatten Flossen wie Fische. Es war ein einziges Gefresse zwischen ihnen.

Der Soldat war der einzige auf dem Gang. Die Diener wa­ren längst gegan­gen, und aus dem Zimmer drang kein Ge­räusch. Wenn ihn der Fürst vergessen hatte, dann war das nicht weiter schlimm. Er war von Wachen her gewöhnt, dass nichts ge­schah.

Da öffnete sich die Tür, leise und heimlich. Der Fürst sah für einen kurzen Augenblick auf den Gang und winkte den Soldaten mit der Hand herein. Als der Soldat eingetre­ten war, schloss er die Tür und stell­te sich von außen davor.

Soll­te der Soldat sich nur wundern, dass er nun allein im Zim­mer stand! Der Fürst musste überlegen. Noch war er sich nicht schlüssig, ob er richtig handelte. Er hatte mit sei­ner späten Heirat einen schlimmen Feh­ler gemacht. Viel­leicht vergrößerte er ihn, mit dem, was er vorhatte.

Der Soldat stand drinnen ebenso stramm, wie er draußen gestanden hatte. Sei­ne Augen wa­ren zur Decke gerichtet, wo ein Maler mit Tu­sche kleine Hände gemalt hatte, die Zweige und Blumen­kränze

hiel­ten und sich eine Leier zuwarfen. Die Kinder, denen diese Hände gehörten, hatte der Maler hinter Wolken, die aus Gips geformt waren, versteckt.

Dann be­trach­tete der Soldat das rie­sige Bett, welches in der Mitte des Rau­mes stand. So ein Bett hatte er noch nie gese­hen. Es hatte die Größe eines kleinen Reisfeldhau­ses. Ein weißer Schleier war dar­über geworfen worden, viel größer als jedes Stech­mückennetz, das er in seinem Leben gesehen hatte. Einem solchen Bett konnte er nichts abge­win­nen. Für dieses Bett schon wollte er ein Fürst nicht sein! Sein Wunsch war, den Schlaf im Stehen zu finden. Eigent­lich war das der Traum eines jeden Sol­da­ten.

'Habe ich wirklich eine Wahl?', dachte der Fürst, wäh­rend er draußen über den Gang schritt. Ein Fürst musste ei­nen Nach­kom­men haben. Das war der Zweck seiner Ehe mit Schira gewesen, sein Versprechen an ihren Vater. Einen Sohn zu ha­ben, war auch der Zweck der Zeugung gewesen, die ihn zu einem Fürsten gemacht hatte. Ohne ei­nen Sohn hätte er ein Verbrechen an sei­nem Vater und des­sen Vätern began­gen. Ein kleines Fürstentum brauch­te einen Sohn drin­gender als ein großes!

Wenn er warte­te, würden Ge­rüchte laut werden. Man würde genau hin­sehen. Hatte man doch im Stillen erwartet, dass das Fürstentum zu Ende gehen würde. In der Überraschung der Heirat waren all diese Zweifel verstummt.

Jetzt war der Zeit­punkt günstig für das Vorhaben des Fürsten. Nie­mand würde arg­wöh­nisch sein. Alle würden ihn geradeheraus be­glück­wün­schen. Dann hatte er seine Ruhe, und auch Schira ihre. Eine Sohn sollte sie bekommen! Den würde sie lie­ben können und hatte etwas für sich!

Er kehrte zur Tür zurück. Blieb kurz davor stehen, gab sich dann einen Ruck und öffnete sie mit fürstlichem Schwung. Der Soldat verzog keinen Miene und nichts als Mut stand auf seinen Lippen geschrieben.

"Wie ist euer Na­me?", fragte der Fürst. Das Kommando für eine lockere Haltung gab er nicht.

"Oberer Medit bin ich, von der Torwache", meldete der Soldat. "Im Dienst bei euch im fünften Jahr." Er warf den Kopf zurück und nahm eine noch starrere Haltung an.

"Ich werde etwas sehr Ungewöhnliches von euch verlan­gen", sagte der Fürst. "Seid ihr verschwiegen?"

"Ich bin Soldat, Fürst. Ich würde töten und mich töten lassen, wenn ihr es befehlt. Reden ist nicht meine Art."

Der Soldat war so groß wie der Fürst, aber ganz an­ders als die­ser von kräftiger Sta­tur, die ihn jetzt im besten Mannes­alter noch nicht dick er­scheinen ließ.

"Es geht nicht um das Töten", entgegnete sanft der Fürst. "Seid ihr verheiratet oder steht euch der Sinn danach?"

"Ich bin nicht verheiratet und kann sagen, dass ich kei­ne sagen kann, nach der mir für eine Heirat ist. Meint ihr es so?"

"So war es gemeint, Oberer Medit. Richtig verstanden habt ihr das! Wie ich gehört habe, habt ihr fünf Brüder."

"Jawohl, Fürst, es sind fünf. Aber ich bin der einzige, der Soldat geworden ist. Die anderen sind Bauern wie mein Vater."

"Fünf Söhne also hat euer Vater bekommen und keine Töch­ter, nein?"

Oberer Medit schüttelte den Kopf. "Fünf Brüder sind wir, alle im Alter von einem Jahr auseinander, und der Jüngste mit zweien dazwischen. Der Älteste bin ich und habe ihnen oft den Vater machen müssen."

"Nehmen wir an, ich würde euch befehlen, zu einer Frau zu gehen, ohne dass ihr wisst oder fragt, wer sie ist. Das wür­det ihr tun?"

"Das würde ich tun. Mein Bestes würde ich geben, wenn euch das genügt?"

"Gut, Medit, ich glaube, ihr seid der richtige Mann. Seht her! Macht eure Haltung locker! Seht her, was ich habe: Es ist ein schwarzer Überzug, der keine Augen hat. Nur eure Hände sind darin frei. Wollt ihr freimachen und ihn über­ziehen?"

Oberer Medit stand wieder stramm, lockerte seine Glieder aber sofort wieder durch. Auf Zeichen des Fürsten zog er alle seine Kleidungsstücke nach und nach aus und legte sie sorgfältig übereinander. So stand er vor dem Fürsten, der ihn wirk­lich prächtig gewachsen fand. An den Hüften neigte er ein we­nig zur Fülle. Alles andere war mehr als vor­zeigbar, ja, muss­te des Fürsten Neid erregen.

Der Fürst hatte den schwarzen Überzug nach der eigenen Größe anferti­gen lassen, und Medit hatte diese Grö­ße. Der Stoff war schmiegsam und sanft. Von der Hüfte hinab war er weit geschnitten und ließ sich so leicht nach oben strei­fen. Man sah von Medit nichts als seine breiten Hände mit den Fin­gern, die ein wenig kurz geraten waren. Seine stramme Körper­haltung ließ sich trotz des Umhanges erah­nen.

Der Fürst führte Medit zum Bett und befahl ihm, Hal­tung anzuneh­men. Er unterwies ihn aufs Neue, sich nicht zu rüh­ren und nichts zu sagen, was immer ge­schehen möge. Der einzige, der etwas sagen werde, sei er, der Fürst.

Dann ging er zu dem Gemach seiner Braut. "Schira", sagte er, "komm, er ist da. Wir sind so­weit. Hast du dich ferti­gemacht?"

Sie trat hinter dem zweiteiligen Schirm hervor. Einen leichten Umhang hatte sie über die Schulter gezogen, den sie vorne mit den Händen geschlos­sen hielt. Auf dem weißen Stoff waren knospende Wei­denkätzchen ge­zeichnet. Diesen Stoff hatte er für sie und diesen Tag ausgesucht. Fast war ihm, als ahme sie die Haltung seines Sol­daten nach.

"Dann komm", sagte er. "Wir wollen ihn nicht warten las­sen. Du darfst kein Wort sagen. Keinen Laut, nichts. Hast du gehört? Hast du eine Essenz benutzt? Nichts darf dich verraten ..." Er beschnup­perte sie, konnte aber nichts feststellen. Dann nahm er sie bei der Hand und führte sie hinaus. Sie folgte ihm, ohne Laut und Schwere.

Niemand begegnete ihnen. Selbst wenn sie jemand gesehen hätte - was war dabei, wenn er die Fürstin in sein Ge­mach führ­te?

Er schloss die Türe hinter sich und schob den unte­ren, dann den oberen Riegel vor. Schira hatte keinen Blick für die Gestalt, die schwarz und soldatisch am Bett warte­te. Sie ging von allein, schob die Vorhänge zur Sei­te und legte sich so auf das Bett, wie es sein musste. Schwarz zeich­nete sich die Scham ab, schärfer noch als die Brauen.

Der Fürst führte die Hände von Medit. Er führte sie über den Rahmen des Bettes und zeigte ihnen alles - eben alles, worauf es an­kam.

Dann setzte er sich neben seine Braut und nahm ihre Hand. Ein Blick ihrer glühenden Augen stieß einen Dolch in sein Herz. Aber er sah zur Decke und betrach­tete die schweren Wolken aus Gips.

Chapter 5. Die Wahrsager



Wenn die Frau des Schreibers sich in ihrem Garten auf­hielt, dann wurde ihr das Stehen schwer. Sie mied die Blumen, die einen schweren Duft aus den hängenden Blüten absonderten. Die Stelle war ihr die liebste, wo der Apfel­baum sich einen selbst­gesprä­chi­gen Schatten ga­b.

Alle die Äpfel waren herunterge­fallen, und der Gärtner hat­te sie weggebracht. Leer stand der Baum, sich tröstend in ihrem Versprechen, dass das Fremde in ihrem Körper nichts vergessen machen konn­te.

Ihr Ge­sicht hatte sich verändert. Die Au­gen waren her­vor­getre­ten. Flüssig­keit hatte sich unter der Haut ge­sam­melt und die Linien des Gesichtes aufgeweicht. Obwohl sie sich langsamer bewegte, wurde ihr oft der Atem kurz. Die Freude in ihr brauchte keinen Anlass, eben­sowe­nig die Traurig­keit. Sie kamen ungerufen und blieben, als trenne sie nichts.

Ihr Körper roch jetzt anders. Er hatte den Geruch einer anderen Frau angenommen. Da wusste sie, dass es eine Tochter war, die sie bekommen würde. Sie versuchte, diesen fremden Geruch zu über­decken, aber er war stärker als ihre Duftmit­tel.

Ihre ge­liebten Haare hat­ten allen Glanz verloren. Manch­mal ver­gaß sie einen Tag lang, sich zu kämmen. Die Hände waren ange­schwol­len. Sie mochte nicht darüber streichen. 'So', dachte sie, 'muss es sein, wenn ich alt geworden bin.' Es war ein Grauen, dem man den Tod wünschte.

Am Morgen war sie aufge­wacht, hat­te sich lange im Spie­gel angesehen und auf ein Ge­fühl des Glücks gewartet. Sie hatte gewar­tet, dass ihr davon die Röte ins Ge­sicht stieg. Aber sie fand, dass sie nur immer blas­ser aussah.

'Ein Kind ist es', dachte sie. Sie malte ihr Zeichen dafür mit Spucke auf den Spiegel: KIND. Sah ihr Gesicht im Spie­gel, auf dem sich Blasen und Tropfen von der Spucke gebil­det hatten.

Der kleine Jun­ge mit dem Apfel war nicht mehr in ihren Garten gewesen. Heute würde sie Besuch von einem Wahrsager bekommen. Sie hatte ihn nicht ge­wollt. Von ihrem Mann war er herbestellt worden. Was er sich davon versprach? An solche Dinge glaubte er nicht. Es war, als wollte er sie von etwas ablenken.

'Ein Hellse­her', hatte er ge­sagt, 'ein Arzt der Zu­kunft, der das Ge­sicht be­trachtet, die Hände, sogar die Fußsoh­len, al­les mögli­che, und da­nach den Charakter des Kindes be­stimmt und auch sein Ge­schlecht.'

Die Frau seines Vorstehers sei begeistert gewesen. Er komme aus einem frem­den Land und habe ihr geweissagt, dass sie einen Sohn bekommen werde, ei­nen Zehn­pfünder. Geld habe er keines genommen, nur Wein­brandt, eine ganze Fla­sche, und zwei ihrer sehr teu­ren, geschliffenen Wein­glä­ser, weil es zwei Hell­seher waren. Der eine habe ge­sagt, Geld­noten könne er in sei­nem Land nicht tauschen. Der andere habe geschwiegen, aber er sei der Kluge und Hell­sehende gewesen. Das habe die Frau seines Vor­stehers gesagt, so ihr Mann.

Dabei wusste sie, dass sie ein Mädchen bekommen würde. Da brauchte es keinen Hellseher. Das kostete nur Geld. Sie dachte an ihre Mut­ter, die sie nicht mehr gesehen hatte, seitdem ihr Mann hierher versetzt worden war. Nun musste sie sich für das Kind eine Amme nehmen. Die würde Geld kosten, der Gärtner war nicht zu hal­ten. Ihr schöner Gar­ten würde ver­fallen.

Die Nach­barn wür­den ihr nachsehen und über sie sprechen. 'Ja, ja', würden sie un­überhörbar tuscheln, 'die Frau ist sie, die, welche diesen wun­derbaren Garten hat­te: die Äpfel wie lackiert, die Bäume, das ahnen sie nicht, und ein Gärtner, ein ei­gener Gärtner. Eine Tochter hat sie bekom­men, jawohl - und ist einmal eine sol­che Schön­heit ge­we­sen, dass man neidisch werden konnte.' So würden die Nachbarn reden, lauter und immer lauter.

"Dür­fen wir hereinkommen?", rief in ihren Rücken eine Ge­stalt, die schon mitten im Gar­ten stand.

Es waren beim Hinsehen zwei Gestalten, die zu einem tiefbau­chen­den und hoch­hagernden Wesen verschmolzen waren. Der Kleine war schwer be­la­den mit Bün­deln, in denen es klirr­te, dass man an das Schlimmste denken musste.

Er ver­beugte sich stän­dig in alle Richtungen und rief flö­tend: "Bitte sehr, be­achten sie, meinen Herrn und Mei­ster, er weiß alles über sie. Bitte sehr, ihr Le­ben, ihre Zu­kunft, er kennt sie!"

Der andere, dieser sein Herr und Meister, war groß und dürr und besaß lange Zähne, die an den Rän­dern faul waren. Sein furchiges Kinn war ständig in Bewe­gung, weil er nicht aufhörte, damit zu kauen. Vor langer Zeit einmal war sein Mantel schwarz gewesen. Nun be­saß er den Oberflä­chenglanz des Speck­schie­fers.

Beide sahen sie aus und ro­chen, als hätten sie die letzte Nacht im Frei­en ver­bracht und ihre Ein­nahmen ausge­trunken. Der Kleine fuchtelte mit den Armen, während der Große sie auf dem Rücken verschränkt hielt.

Die Frau stand auf und lächelte. Dann setzte sie sich wie­der, weil die Kniee sich nicht durchdrücken ließen. Sie sah die beiden an und war nun doch froh über die Abwechs­lung und darüber, dass sie sich einen Spaß mit ihnen aus­gedacht hatte.

"Bitte sehr", flö­tete der Kleine, "wir sind gekommen - bestellt gekommen - wegen der Zu­kunft zu sagen, die fer­ne."

"Ja, aber wissen sie denn nicht?", fragte die Frau auf der Bank in völligem Erstaunen. "Sie als Hellseher müssten es doch wissen ..."

Der Kleine drehte sich klirrend um und sah zu seinem Mei­ster hoch. Dieser bewegte weiter mal­mend die Kie­fer und hatte nicht zugehört. Der Kleine zog ihn am Rock, worauf der Große ein Nicken spendete.

"... ääh", sagte der Kleine, "solche Dinge, wenn sie nicht sind hell genug, spricht er dunkel aus."

"Der gerade geborene Sohn von der Frau", erklärte sie ihnen, von der Bank hochblickend, "die hier wohnte, ist gestorben. Und die Frau ... vor Gram ist sie aus dem Leben gegangen."

"Meine Schuld, welche ich trage", rief der Kleine und deutete auf den ande­ren. "ER hat es gewusst, aber gespro­chen mir sehr dunkel da­von. Nun ich weiß, er hat gewusst alles. Die Frau, die gnädige, werte Frau des Höflichen Schreibers ist -"

Er wartete das traurige Nicken ab, faltete die Hände und setzte fort, "- ver­stor­ben ist sie. Un­ser Bei­leid, un­ser Mitge­fühl. Das ewige Leben, wir kennen ewiges Läben. Sie wol­len wis­sen die Zukunft der Frau im ewigen Le­ben? ... Nein? ... Sie wollen Gu­tes tun der Frau aus diesem Haus, dass sie allein nicht ist in die­ser schwe­ren Stun­de, für sich allein gelas­sen im ewigen Leben? ... Nein?"

Der Kleine suchte den Himmel nach einer Weisung ab, wäh­rend der Große die Augen wie weiche Steine aus dem Gesicht heraushängen ließ. Die Frau auf der Bank war schläfrig geworden. Hatte sie nicht zu schnurren begonnen wie eine Katze, wie eine mittagsmüde Katze? Also gab der Kleine einer letzten An­sprache einen kräftigen Stoß.

"Sie wollen Zu­kunft für sich alleine gese­hen? Wie fürch­tet Schick­sal von Menschen meinen Mei­ster, weil er sieht hin­durch sie wie ein Glas ... nein, e­ben­so nicht!" Er schüt­telte traurig das letzte Klirren aus dem Sack her­aus.

"Mein Mei­ster und ich, werte Frau, wir ha­ben Kin­der zu­hau­se, fünf frie­rende und hung­rige Mäu­ler", er hielt eine Hand hoch, die Kinder zu zählen. "Die Mut­ter ist gestor­ben. Die Ernte ist ver­brannt. Die Pferde sind davon­gelau­fen. Es ist ein Schick­sal! Die Trä­nen rührt es, wo Her­zen sind. Geben sie uns eine klei­ne Gabe, dass die Kin­der leben können... Oh, Mei­ster, sie hat ein Herz nicht von Güte. Hart ist es, haarig wie eine Kokosnuss, nicht ein Trop­fen Erbarmen darin. Die Frau, die ist gegangen vom Leben, sie war eine gute Frau ..."

Auseinandergebrochen unter der Erkenntis, dass sie zu spät gekommen waren, die Milde mildtätig zu finden, machte der Kleine eine Kehrtwendung. Er fasste den Mei­ster am Mantelsaum wie an einem Zügel, wor­auf­hin dieser den Hals drehte und sich abwandte. Beide gingen sie müden Wanderer­schrittes durch den Garten, hinausbegleitet vom Klang der Gläsern und der leeren Fla­schen.

Chapter 6. Medith als Kindmutter



Der Sohn des Fürsten bekam den Namen Woi. Seine Mut­ter starb, kaum dass sie ihn geboren hatte.

Auch der Kaiser erfuhr, dass Fürst Alta einen Sohn be­kom­men hatte. Dabei ließ er sich nicht anmerken, dass er noch nie von ei­nem Für­sten mit diesem Namen gehört hatte. Aber weil der Kaiser ver­gesslich geworden war - auch in den Augen der anderen - merkte er sich den Fürsten Alta, gerade weil die anderen diesen Namen gleich wieder ver­gessen hatten. In Abständen sprach der Kaiser nun von dem Für­sten Alta und sagte, dass man ihm DEN nicht ver­ges­sen soll­te.

Augen, Brauen und Wimpern des Fürstenkindes waren schwarz wie bei seiner Mutter. Auch die Zeichnung der Lip­pen hatte er von ihr, wobei das Gesicht aber breiter in seiner An­lage war. Wie dem Fürsten versichert wurde, war sein Körper, wenn nicht groß, so doch kräftig. Das Kind hatte funkelnde Augen. Die Leute sagten, es wären rechte Fürsten­augen. Sie freuten sich, dass es einen jun­gen Fürsten gab, und die Frauen wussten sich viel zu erzäh­len.

Soldat Medith erwies sich dem Kind als geduldiger und fähi­ger Ziehvater. 'Was soll ich die Aufgabe an jemanden anderen ge­ben', hatte der Fürst gedacht, 'wo er sich doch als Vater schon bei seinen vier kleineren Brüdern bewiesen hat?' Also wies der Fürst ihm eine ältere Frau zu, die für die kör­per­liche Pflege des Kindes be­reit­stand. Außerdem bekam Medith ein eige­nes Zimmer mit einer an­grenzenden Kam­mer für das Kind.

Im Ganzen verrichtete Medith gehorsam und wohl auch glücklich sei­nen neuen Dienst. Für Nachtwachen standen genug andere bereit, und es war nicht unüblich, dass die Erzie­hung eines Fürstensohnes in die Hän­den von einem alt­ge­dienten Solda­ten gelegt wurde.

Die Kameraden schauten herein und sahen nach dem kleinen Sohn. Da Me­dith einer von ihnen geblieben war, sahen sie es nicht anders, als dass der Kleine auch ein Sol­dat und da­mit ei­ner von ihnen war.

Woi schlief in einem Bett, das von Medith selbst gezim­mert worden war. Es war nicht eines von diesen zugedeckten Betten, so groß wie das Haus eines armen Bauern. Darin hatte sich Medith durchgesetzt. In keiner anderen Frage über­ging er den Fürsten und mit keinem Blick verriet er, was sie verband.

Es war nicht Mediths Art, und es war nicht die Art eines Soldaten, den Jungen vor jedem Windhauch zu beschützen. So lernte der Junge schnell, wo es am meisten weh tat. Er konnte heulen vor Wut, dass ein jeder Angst bekam. Er schrie so laut vor Freude, dass Medith sich in Sorge fragte, ob er sich nicht wehgetan hatte.

Wenn er hochgewor­fen wur­de, fingen ihn die gro­ßen Hände sicher wieder auf. Wie ein kleiner Sol­dat ließ er nichts über, aß alles auf und kratzte solange den Teller aus, bis Medith sich die Ohren zuhielt und eines von seinen Gesich­tern machte. Von Beginn an schlief er die Nächte durch.

Eines Morgens war Woi einfach aus dem Bett geklettert und hielt sich mit den Händchen am Rand fest, bis ihm die Knie wegknickten. Er fiel hin, war aber zu stolz auf sei­ne Leistung, um den Schmerz zu bemerken.

"Du bist mir ei­ner", flüsterte Medith in sein Ohr, "kommst auf deinen Va­ter und auf wen auch immer." Ein klein wenig waren seine Augen bei diesen Worten feucht geworden.

Dann hatte Woi versucht, Medith zu füttern. Der hatte einen schön großen Mund, der nach dem Löffel schnappte, sobald er ihn erhoben hatte. Das war einfach. Schwierig war es, den eigenen Mund zu finden. Blöd, dass man ihn nicht sah. Es klatschte so schön, wenn der Brei auf den Boden fiel.

Nach dem Mittagsschlaf machten sie einen Ausritt auf Me­diths Schultern. Sie ritten zu den Soldaten am Tor. Alle wollten sie sehen, wie gut er schon reiten konnte. Und Woi konnte reiten! Selbst Galopp machte ihm nichts aus, wenn er nur mit beiden Hän­den fest in die Haare von Medith gegrif­fen hatte.

Er berührte ganz vorsichtig die glänzenden Spit­zen der Speere. Mit einem Stein durfte er solange auf die Rü­stung hauen, wie er wollte. Krach machte ihm am meisten Spaß. Die Helme waren alle zu groß für ihn, und die ro­ten Federn durfte er lei­der nicht aus­reis­sen. Aber er bekam eine weisse Feder, die er nicht mehr aus den Hän­den gab.

Schon etwas langsamer ging es mit seinem Pferd weiter. Es fand es nicht toll, wenn Woi ihm die Haare aus­zog oder mit der Feder piek­ste. Wenn dem Pferd das Wasser über die Stirne lief, dann war es müde.

Die richtigen Pferde waren riesig. Aus ihren Nasen kam Dampf, und ihre Gesichter konnte sich Woi gut merken. Sie hatten Schuhe wie die Soldaten, aber eine weiche Rüstung, an der er nicht klopfen durfte. Ihre Zähne waren riesig und gelb. Vor ihnen ging Medith im­mer ein Stück zu­rück.

Wenn sie schnaubten und wieherten, lachte Woi. Das gefiel ihm, und er hätte gerne Medith auch schnauben und wiehern gehört. Das konnten aber nur die richtigen Pferde mit dem langen Hals. Woi durfte auf einem Sattel sitzen, der auf dem Boden im Stall lag. Ganz allein hielt er sich fest. Er zeigte auf ein Pferd, aber das schüttelte den Kopf.

"Nein, nein", sag­te auch Medith, "zum Reiten ist es viel zu früh. Üb du mal noch ein biß­chen auf meinem Rüc­ken. Gerit­ten wird erst, wenn du laufen kannst."

Wie er aber den Jungen so allein auf dem Sattel sitzen sah, war er richtig stolz. 'Das erste Mal, dass ich ihn sitzen sehe', dachte er, 'sitzt er in einem Sattel. Wenn das nicht etwas heißen will!'

Dann nahm ihn Medith zum Aufsitzen hoch. Woi durfte dem Pferd ei­nen Bund Hafer geben. Es schmeckte dem Pferd. Es nickte mit dem Kopf, dass Woi auch mal davon probieren sollte. Aber er mußte husten, öchöchich, und es kratzte. Medith schüttel­te nur den Kopf über solch einen Unsinn. Er mochte bestimmt auch keinen Hafer essen. "In deinem Brei ist ge­nug von dem Zeug drin", sagte er. Woi hob die Nase und ver­suchte zu schnauben. Medith wischte sich mit einem Tuch über die Haare. So ein Kind war eine feuchte Angele­gen­heit!

Sie ritten weiter zur Küche. Auf dem Weg trafen sie einen Gärtner, der Woi eine Blume schenkte, die ihm aber nicht schmeckte. Wois Pferd musste sich ausruhen, und er rollte sich im Gras immer eine Seite weiter, bis die Gärtner schrien, weil er an den Blu­men zog. Sie mussten schnell wegreiten.

In der Küche verbeugte sich Medith mit Woi auf den Schul­tern. Alle klatschten, dass der Junge sich so gut festhal­ten konnte. Was auch ein Glück war, denn es war ein biss­chen gewagt von Medith, ihm solche Kunst­stücke zu zeigen! Jede der Frauen durfte ihn einmal auf den Arm nehmen.

"Ist er nicht ein wenig feucht unten herum, Herr Sol­dat?" wurde Medith von einer gefragt. Er fühlte und wuss­te nicht so recht.

"Wir legen ihn einfach hierhin und ma­chen ihn sau­ber", sagte die Magd, welche gefühlt hatte. So wurde Woi auf eine krumme Holzbank gelegt und gesäu­bert. Er be­trach­tete die schweren Balken an der Decke, von der die Köp­fe wie wollige Bälle herab­hingen. Zwi­schen den Mündern flogen die Hände wie Vögel umher, und vom Ge­hörten nahm er auf, dass sie nur das Beste von ihn dachten.

Jeden Tag kam Woi einmal in die Küche gerit­ten und hielt Hof. Er durfte mit einem Holzlöffel gegen die Töpfe hau­en, und wenn er lachte und schrie und vor Vergnügen mit den Händchen ruderte, dann machten sie alle mit ihm Musik. Die Teller drehten sich im Kreis, die Löffel schlugen sich die Köpfe ein, und Medith haute 'DUMM-DUMM' auf den großen Topf. Jede Flasche hatte einen anderen Ton, und die Hände konn­ten klatschen, dass es wirbelig wur­de. Un­über­trof­fen, das Pfeifen des Kochkes­sels, erst weit weg, dann im­mer lauter und größer, bis außer dem Pfeifen nichts mehr zu hö­ren war - da konnten sie alle hauen, wie sie woll­ten.

Von einer Näherin bekam er eine Puppe, die Augen hatte, an denen er ziehen konnte. Wenn die Näherin sie hoch­hielt, dann konnte sie sprechen. Also nahm Woi sie mit. Er setzte sie auf seinen Rücken, damit sie wie er Reiten lernte. Sie bekam von seinem Brei zu essen, aber Medith nahm sie fort und sagte, dass sie seinen Brei nicht möge. Er verzog das Gesicht, und die Puppe verzog das Gesicht. Sie mochte wirklich seinen Brei nicht essen: Es war alles auf ihrem Gesicht geblieben!

Chapter 7. Selma



Die alte Frau war stehen geblieben. Sie war eine runde Person, die mit stämmigen Beinen langsame Schritte gemacht hatte. Dabei hatte sie zu den Bäumen gesehen, die kein Laub mehr trugen, und hinauf zum Himmel, an dem sich die Wolken we­gen der Kälte eng aneinander schmieg­ten.

Sie beweg­te ihre Lippen, die Augen, ein wenig die Hän­de. Was die Leu­te wohl dachten, wenn sie mit sich selber sprach? Ihr Mann war noch nicht lan­ge tot - das sollten die Leute wissen! - drei Mona­te, weniger zwei Tage war es her, und nur seine Stimme war ihr geblie­ben. Es war eine gute und lange Zeit mit ih­m gewe­sen, und sie wollte dank­bar sein. Vier Kin­der hat­ten sie groß­gezo­gen, das dritte Enkelkind war unter­wegs.

'Mom Selma', sagte sie zu sich, 'halt dich aufrecht! Die Welt braucht dich, grad' wo es ihn nicht mehr gibt.'

Das war sicherlich so, und sie wollte es damit halten, solange sich ihre Beine noch in Bewegung halten konnten. Und sie wollte weniger Nüsse es­sen. Die aß sie nur, weil sie keinen zum Re­den hatte. Knabberte vor sich hin, ohne es zu merken, und die Erinne­rung kam und setzte sich auf ihre Schulter, als wie die Katze von einer alten Hexe, ganz nah am Ohr. Aber schließlich hatte sie soviel geknab­bert, dass ihr der Ma­gen schwer geworden war und das Herz noch schwerer, wenn sie ein­schlafen wollte.

Immer wenn sie eine Strecke ging, muss­te sie sich bald hier, bald dort niedersetzen. Dann kehrte der Atem zurück, der mit immer schnelleren Schritten vorausgeeilt war. So war es ihr recht, dass die neue Ar­beitsstel­le kaum zehn Minuten Weg entfernt sein würde.

Sie kann­te das Haus. Die Nachbarin sagte, dass sie die Frau, die in dem Haus wohnte, niemals auf der Straße gesehen hatte, nicht allein und nicht mit ihrem Kind.

Die Frau war mit ihrem Mann von weit herge­kommen. Er trug die Schuhe der fürstlichen Beamten und konn­te lesen und schreiben. Das sagte die Nachbarin, weil er lange Rollen bei sich trug, die ganz leicht waren. Spät kam er nach Hause, und manchmal blieb er fort. Die Nachbarin hörte es bis zu ihrem Haus, wenn er auf dem Pflaster ausschritt.

Die Frau war al­lein, keine Mutter oder Schwie­ger­mut­ter, da war ihr alles zu­viel gewor­den. Es war wohl ihr erstes Kind.

Manches Mal hatte Selma die Frau gese­hen, wie sie in ihrem Garten stand. Selma hatte ge­wartet, ob die Frau zur Straße hin­sah. Aber sie hatte kei­nen Blick für die Men­schen gehabt, die vorbeikamen. Es war eine schöne Frau, aber ein trauri­ge Frau, dass Selma nicht mit ihr hätte tauschen wollen.

Nein, wie Selma so vor dem weißen Gartentor stand, voll­gesogen das Unter­kleid mit Schweiß, der ihr kalt auf dem Kör­per klebte, da wusste sie wieder nicht. Was würde die Frau denken, wenn sie Selma sah? 'Eine alte Frau', würde sie denken, 'vom langsamen Gehen ist sie außer Atem. Eine sonderbare Person vielleicht, die es mit ihrer Einsamkeit nicht aushält.' So würde die Frau denken!

'Selmchen', sag­te da ihr Mann und hatte die Stimme, die ihm eigen war, seid er tot war, 'das ist doch das Richti­ge für dich. Mach es dir nicht so schwer. Das kannst du doch!'

Sie nickte. Immer hatte sie ihn für alles ent­schei­den las­sen, und es war nie das schlechteste gewe­sen. 'Ja', sag­te sie leise zu ihm, 'das hast du gut ge­macht, immer rich­tig entschieden und vorher viel nachgedacht. Wirst auch jetzt wohl das Rechte für mich wissen.'

Einen wun­der­schö­nen Gar­ten hatte die Frau, das wollte Selma anerken­nen. Es war grün dar­in, trotzdem dass es Win­ter wur­de. Die Bäume waren nicht groß, aber sie trugen ihr Laub noch, sahen nicht wie abge­storben aus. Der Garten - wie die Frau - kümmerte sich nicht, was draußen war. Von den Bäumen kannte Selma die meisten nicht. Sie waren fremd hier, und es war ein Wunder, dass sie zu Wuchs gekommen waren.

Die Frau stand begrüßend auf der Treppe. Da hatte sie gestanden und zugesehen, wie Selma sich in ihrem Garten umsah. Als Selma sagte, dass es ein sehr schöner Garten sei, da sagte sie nichts, weil sie ihren Blick auf den Steinen verloren hatte. Da wusste Selma, dass die Frau mit sich selber sprach, wenn sie allein war. 'Manchen Menschen braucht für das Traurige niemand zu sterben', dachte sie für sich.

Die Frau wandte sich um und ging Selma zum Haus voraus. Sie hatte einen leichten, fast schwebenden Gang über den Steinen, und Selma musste an eine durch­scheinende Blume denken, eine Blume, die schön war und doch vom Händler am Abend ver­schenkt wurde.

Im kleinen Empfangsraum bot sie einen Platz an und tat, als wäre Selma zu Besuch und auch eine sehr feine Dame. Die Stüh­le waren schlank und fein, und Sel­ma saß sehr vor­sich­tig auf dem ihren. Alles war vornehm und nicht für das Berüh­ren be­stimmt.

Die Dame trug ein hell­grünes Kleid. Auf dem wei­ßen Kragen stieß das glänzende Haar in Wellen auf. Nichts in dem Haus ließ die Anwe­sent­heit eines Kin­des ver­muten.

Die Frau sagte, dass sie eine Tagmutter für ihre kleine Tochter suche. Selma sprach lange über sich, wobei sie mehrmals vorsichtig ihr Gewicht auf dem Stuhl verlagerte. Sie sprach über ihre Kinder und Enkelkinder. Das Herz und die Füße wurden ihr warm. Sie berichtete vom Tod ihres Mannes, und nur ihre feingliedrige Sitzgelegenheit verhin­derte, dass sie die Hände vor das Gesicht schlug.

Sie erzähl­te, wie sehr ihr Mann seine Kinder geliebt habe. Dass er ihnen Geschichten erzählt habe, Märchen und Fabeln. Fürch­ten habe sie sich müssen, so seien ihr die ver­zauberten Prinzessinnen in ihrer Gruselwelt an den Wänden erschienen. Er habe in seinem Erzäh­len kein Ende fin­den können und die Kinder zu spät den Schlaf. Selma schwieg in grausigem Rückerin­nern.

'Selm­chen', sagte ihr Mannes mit der anderen Stimme, 'ich bin nicht gestorben, in deinem Herzen lebe ich doch fort.' Ein Nebel von Tränen hatte sich vor Selmas Augen ge­legt. Sie hielt die Lippen fest verschlossen. Kein Wort durfte sie ihren Mann sprechen lassen! Die Stille im Raum war undurchdringlich geworden. Selma schwankte auf ihrem Stühlchen, aber sie fiel nicht.

"Da wäre noch die Frage des Lohnes", sagte die Frau. "Eine richtige Amme können wir uns nicht erlauben."

Sel­ma nick­te schwach. 'Ja', sagte ihr Mann, 'ich hab es dir gesagt: Die Reichen, die tra­gen, wo andere ein Herz ha­ben, ihr Gespar­tes.'

Von oben hörte sie ein Kindchen weinen. Ihre eigenen Jungens hatten immer wütig gebrüllt. Selbst das Mädchen hat­te es ihnen nachgetan wie ein Schwalbennest. Dieses Kind­chen da oben schien ihren Namen zu rufen. Es war, als ru­fe es SEEL­MAA. Die Frau nann­te eine Summe. Selma nick­te.

Es war ein süßes Kind. "Tuck, tuck", sagte Selma, und das Kindchen lächelte. "Sischi, Sischi", flüsterte Selma in sein Ohr, und das Kind lachte wie eine kleine Sonne. "Gna na", sagte es, und Selma nickte.

Chapter 8. Der Mann auf dem roten Stuhl



Wois Wagen hat­te viele Räder. Der Wagen konnte viel schnel­ler laufen als Woi, aber Medith konnte schnel­ler als der Wagen laufen. Wenn Medith rief, hörte der Wagen nicht auf ihn. Dann lief er einfach weiter. Der Wagen freute sich, wenn Woi in ihm drin war. Wenn er sich freute, dann wippte er. Dann freu­ten sie sich zusammen und wippten zusammen.

Manchmal kam ein Mann. Er hatte Füße, die klapperten laut auf dem Boden, und Woi fand es schade, dass sein Wagen nicht auch solche Füsse hatte. Der Mann hat­te eine leise Stimme, die er mit der Hand strei­chelte. Medith hatte eine Stimme, an der er ganz fest kratzte. Manchmal machte er Seife auf seine Stimme und schnitt die Seife mit einem Messer ab. Woi hätte gerne das Messer gehabt, aber Medith legte es oben auf den Schrank.

Der Mann mit den lauten Füßen fuhr ihn manchmal zu einem Mann, der in einem roten Stuhl saß. Der Stuhl war so hoch, dass Woi beim ersten Mal nicht bemerkt hatte, dass dieser Mann darin war, aber dann hatte er gespro­chen. Es waren immer ganz viele Menschen bei ihm, und sie waren sehr still, wenn er etwas sagte.

Woi woll­te zei­gen, wie gut er schon aus dem Wa­gen klet­tern konn­te, aber der Mann mit den lauten Füßen hielt ihn mit der Hand fest. Da lachte der Mann in dem roten Stuhl, aber Woi fand das nicht lustig und machte einen bösen Blick. Auch der Mann in dem Stuhl machte einen bösen Blick, und alle Menschen, die da­beistan­den, lachten, so laut, dass sich Woi erschreck­te.

Der Mann war überhaupt ein langweiliger Mann. Die Sol­daten machten keine Späße, wenn dieser Mann mit ihnen sprach. Er klap­perte nicht mit Töpfen und kannte keine Tierstimmen. Außerdem durfte Woi ihn nicht füttern. Und an den Haaren konnte er ihn nicht ziehen, weil der Mann zu weit weg war. Es waren lan­ge, wei­ße Haa­re, die Woi bestimmt gut auszie­hen konnte. Das Pferd würde sie mögen, da war sich Woi sicher. Sie sahen aus wie Hafer.

Woi wurde in eine Ecke des Raumes geschoben und deckte die Puppe dort mit der Gardine zu. Dann wurde er in eine andere Ecke des Raumes geschoben. Da stand eine kleine Vase, die Woi aber nicht fangen konnte, weil sie sehr schnell auf den Boden sprang.

Der Mann auf dem roten Stuhl schimpfte mit der Vase. Die lauten Füße waren ganz still. Selbst die Vase weinte nicht, obwohl sie sich weh getan hatte.

Der Mann hatte ein Gesicht wie ein alter Käse. So einen bekam Woi manchmal in der Küche zum Spielen. Meistens sprang ihm der Käse aus den Händen, und alle sprangen zur Seite und hielten sich die Hand vor den Mund. Bestimmt konnte sein Käse auch sprechen, wenn er auf den großen Stuhl saß! Dann würden die Menschen ganz still sein, ob­wohl es nur ein Käse war, der nicht einmal richtig spielen konnte.

In der anderen Ecke war eine rote Tür. Da war ein Kopf drauf, der auch rot war. Weil er sich in dem Wagen auf­stellt hatte, durfte Woi ihn anfassen. Der Kopf hat­te eine lange Stimme mit weißen Zähnen. Die Augen sahen Woi böse an, als er mit den Fin­gern an ihnen piekste.

Der Kopf hatte den Mund aufgerissen wie Medith, wenn er ganz laut niesen musste. Aber der Kopf nieste nicht­. Er mochte Woi nicht, schaute immer nur böse drein, und alle schienen sich vor ihm zu fürchten, weil er nicht niesen konnte.

Nur der Mann in dem roten Stuhl war ein Freund von dem Kopf auf der roten Tür. Er zeigte auf ihn und sagte: "Dra­che, Woi, das ist ein DRA­CHE."

"Metith", sagte Woi und zeigte auf die Puppe, die keinen Namen hatte.

Der Mann in dem roten Stuhl redete sehr viel. Neben ihm saß ein Mann und hatte eine weiße Fahne in der Hand. Dieser Mann machte die weiße Fahne mit seinem Finger schmut­zig. Einer seiner Finger war länger als die anderen, war vor­ne spitz und kratzte. Mit ihm malte der Mann die Fahne schwarz an. Wenn sie schwarz war, nahm er sich eine neue. Keiner außer Woi wollte bemerken, dass er alle Fahnen schmutzig machte.

Der Mann auf dem roten Stuhl zeigte auf den Mann mit dem schmutzigen Finger und sagte: "Schrei­ben, Woi. Das ist Schreiben. Das musst du auch ein­mal ler­nen."

"Muust, muust", sagte Woi und zeigte allen seinen Fin­ger. Wenn jemand vor dem roten Stuhl stand, sagte er ein sehr langes Wort. Der Mann mit dem Ha­ferhaar redete ein kur­zes Wort, dann rede­ten die anderen immer längere Worte, sovie­le, wie sie finden konn­ten. Niemand sah, dass der Mann mit dem kratzenden Finger wieder eine Fahne schmutzig gemacht hatte.

Niemals rede­ten sie über Woi. Das spür­te er ganz ge­nau. Sie be­ach­teten ihn überhaupt nicht! Wenn er ihnen wenig­stens et­was hätte zeigen dür­fen. Aber es war nichts da! Er zeig­te dem Mann mit den lauten Füßen seine weiße Fe­der. Der Mann woll­te sie ihm ab­neh­men, aber Woi schrie so laut und böse, dass er sich nicht traute. Seine Feder durf­te er behalten.

Dann wurde Woi zur Seite geschoben. Ein Mann drückte an dem Kopf von der Tür ein Ding her­unter­, das aussah wie der Schuh von einem Pferd. Jetzt nieste der Kopf, und das ganz fürch­terlich. 'Ouuuoii', nieste er. Der Mann, der herein­kam, er­schreckte sich so sehr, dass er auf den Boden fiel. Als der Kopf wieder an seinen Platz gescho­ben wurde, nieste er noch ein­mal: 'Oouuuuii'. Aber Woi konnte er durch sein Niesen nicht er­schrec­ken. Er hatte keine Angst, nicht vor dem Kopf von einem Pferd, nicht vor dem Kopf von einer Tür.

Woi zeigte allen, dass nicht einmal seine Puppe Angst vor dem Niesen hatte. Der Mann, der auf den Boden gefallen war, konnte wieder gehen, als ihm der Mann auf dem ro­ten Stuhl einen sehr langen Löffel auf den Rücken gelegt hatte. Ob seine Pup­pe auch laufen konn­te, wenn er ihr einen Löf­fel auf den Rücken leg­te?

Der Mann auf dem roten Stuhl hatte einen so langen Löffel, dass er Woi damit hät­te füt­tern kön­nen. Er hatte be­stimmt oft Hunger. Alle hatten sie Hunger, und am mei­sten Woi!

"Hat, hat", rief Woi immer. Sie mussten doch wissen, was er meinte, aber sie verstanden nicht die Sprache der kur­zen Worte. Sie sagten Worte, die niemals aufhör­ten.

"Hathathattathathattat", rief Woi, so laut und so lang er konnte. Dann weinte er. Das mussten sie doch verstehen, dass er Hunger hatte! Nein, sie waren dümmer, viel dümmer als Me­dith!

Chapter 9. Selma und Li



'Li' hatten die Eltern das Kind geheißen. Für Selma war sie die 'kleine Prinzessin'.

Lange bevor sie laufen konn­te, fielen ihre Haare dicht und schwarz. Auch die weiße Haut und die hohe Stirn hat­te sie von ihrer Mutter. Zierlich war sie und blieb immer ein gutes Stück kleiner als die Kinder ihres Al­ters. Vom Vater besaß sie die Augen. Kein Funkeln war in ihnen, keine Glut, eher ein vielfach träumerisch getönter Widerglanz. Als gehöre das, was vor sie hintrat, zu einer schönen Geschich­te, zu einem Lied, dass die kleine Li in die Ferne entfüh­ren wollte. Das war der Va­ter in ihr.

Sie lachte nicht, strahlte nicht vor Glück. Ihre Stim­mun­gen erkannte Selma am weichen Mund, der einzig von ih­rem Inneren preisgab. Es war, als gehe die Freude nur die kleine Li etwas an, sei somit unteilbar und für andere wert­los.

Sie ließ den Din­ge, die sich ihr anboten, Zeit. Wenn das Feu­er knisterte und knackte, zischte und flü­ster­te, dann lag sie da, wie er­starrt, hatte die Äuglein ge­schlossen, um den Lauten nah zu sein.

Sie lieb­te das Singen der Vögel. 'Da, da', riefen ihre Händ­chen. 'Hör nur, Selma, die Vögel sind wieder da.'

Und waren die Vögel auch nah ge­nug, sie zu sehen, so lag Li doch mit geschlossenen Augen in ihrem Bettchen, als könne ein Blick sie alle verscheuchen. Waren die Vö­gel fröhlich, dann war ihre Stirn glatt, und die kleinen Augen schienen den Lau­ten zu fol­gen. Stritten die Vögel aber, zetter­ten und zankten, dann zit­terte ihr der kleine Mund.


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